10 Dinge, die Sie über die finnische Sprache nicht wussten

Die wissbegierigen Sprachwürmer wissen dass es im Finnischen 15 Fälle gibt oder dass das Finnische zu den finno-ugrischen Sprachen gehört. Heute wollte ich ein paar sprachliche Merkwürdigkeiten zeigen, die man nicht in allen linguistischen Einleitungen findet.

  1. Die Verwandtschaft zwischen den finno-ugrischen Sprachen lässt sich vielfach über die Sprachstruktur nachweisen, während der Wortschatz weniger Ähnlichkeiten aufweist. Das Finnische und das Ungarische sind schon seit vielen Jahrtausenden getrennt und wenn Sie die Wörterbücher beider Sprachen durchblättern, ist es schwer sogar zwei oder drei Beispiele zu finden. Ein berühmter Satz, der die Verwandtschaft veranschaulichen soll, ist: „Der lebende Fisch schwimmt unter Wasser“. Die finnische Übersetzung lautet: Elävä kala ui veden alla. Auf Ungarisch lautet derselbe Satz: Eleven hal úszkal a víz alatt. Ich muss zugeben, dass ich in dieser Hinsicht naiv war – die Verwandtschaft ist nicht näher als die Beziehung von z.B. Deutsch und Persisch, obwohl beide Sprachen indogermanischen Ursprungs sind.
  2. Es ist eine agglutinierende Sprache, wie Ungarisch oder Türkisch – das heißt jede grammatische Kategorie hat ein Affix. Agglutinative Sprachen neigen zu einer hohen Zahl an Affixe pro Wort, aber auch zu großer Regularität. Obwohl das Finnische zu Beginn kompliziert scheint zu sein, versprechen alle Sachverständigen, dass Schritt für Schritt alles ineinander greift.
  3. Das charakteristische Merkmal der finno-ugrischen Sprachen ist die Vokalharmonie. Die Vokalharmonie bezeichnet die Erscheinung, dass der Vokal der Stammsilbe die Verwendung von bestimmten Vokalen in den Folgesilben des Wortes und in den Morphemen bedingt. Die Hintervokale ao und u können grundsätzlich nicht innerhalb eines Wortes zusammen mit den Vordervokalen äö und y vorkommen. Beispiele: talo (das Haus) – talossa (im Haus), meri (das Meer) – meressä (im Meer).
  4. Das Finnische hat kein grammatisches Geschlecht sowie die anderen finno-ugrischen Sprachen. Das Wort opettaja kann sowohl „Lehrer“ als auch „Lehrerin“ bedeuten. Das Wort näyttelijä kann sowohl „Schauspieler“ als auch „Schauspielerin“ bedeuten.
  5. Das Finnische hat auch kein Wort für „haben“. Stattdessen wird eine Konstruktion mit olla „sein“ und dem Adessiv verwendet : minulla on koira „ich habe einen Hund“. Die Konstruktion bedeutet wörtlich: „Mir ist ein Hund“.
  6. Die Konsonanten kp und t unterliegen in der Deklination wie der Konjugation finnischer Wörter einem Stufenwechsel. Sie kommen in einer starken (vahva) und einer schwachen (heikko) Stufe vor. Die starke Stufe steht in offenen Silben (z. B. katu „die Straße“) sowie vor langen Vokalen und Diphthongen (z. B. katuun „in die Straße“). Sonst steht die schwache Stufe (z. B. kadun „der Straße“). Andere Beispiele für den Stufenwechsel sind: lukea „lesen“ – luen „ich lese“ und EuroppaEuropassa „in Europa“.
  7. Noch minder deutliche sind die Veränderungen der Konsonantengruppen nk/nt/mp/lt/rt: HelsinkiHelsingissä „in Helsinki“, ilta „der Abend“- illalla „abends“ oder ymmärtää „verstehen“ – ymmärrän „ich verstehe“.
  8. Im Gegensatz zum Ungarischen oder den meisten anderen agglutinierenden Sprachen nimmt im Finnischen das attributive Adjektiv die gleiche Endung an wie das dazugehörige Substantiv, zum Beispiel: suuri myrsky „ein großer Sturm“ – pidän suuresta myrskystä „ich mag einen großen Sturm“.
  9. Wollen Sie es probieren ein international bekanntes Wort auch im Finnischen zu bilden, da genügt es ein „i“ anzuschließen, zum Beispiel: alkoholi, bussi, hotelli, helikopteri, teksti, kurssi, kioski, passi, banaani, dialogi, kontrasti, horisonti oder tyyppi. Aber meine Lieblingswörter sind Wörter, die man in jeder Sprache erwartet und die es im Finnischen nicht gibt, so wie urheilu „Sport“ oder jalkapallo „Fußball“.
  10. Warum sind finnische Wörter so schwierig zu lernen? Meiner Meinung nach ist das Einprägen von neuen Wörtern im Finnischen schwieriger als in anderen Sprachen aus zwei Gründen. Ein Grund liegt darin, dass Finnisch einen leicht monotonen Silbenbau hat. Der Anfänger bekommt schnell einen Eindruck, dass alle Wörter entweder  KVKKV  (kukka „Blume“, reppu „Rucksack“,  tukka „Haar“, kissa „Katze“, lunta „Schnee“, ranta „Strand“, monta „viele“) oder KVVKV sind (pieni „klein“, vauva „Baby“, huivi „Tuch“, koira „Hund“, maito „Milch“, pöytä „Tisch“, tuoli „Stuhl“, koulu „Schule“, tuuli „Wind“). Der zweite Grund ist, dass das Konsonantenrepertoire ist beschränkt.  Die Reihe b-d-g wird wenig verwendet, vor allem in den Fremdwörtern. Das Finnische hat auch keine Palatale. Man hat eigentlich das Gefühl dass die ganze Sprache bildet aus p-t-k-m-n-s.

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